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Wiener Gemeinderatswahlen 2025
Rund um die Wiener Gemeinderatswahlen positionierte die Kammer für Ärztinnen und Ärzte in Wien verstärkt ihre gesundheitspolitischen Anliegen und Forderungen – auch im direkten Austausch mit politischen Entscheidungsträger*innen.
So diskutierten am 24. März 2025 auf Einladung der Kammer die Gesundheitssprecher*innen von SPÖ, ÖVP, NEOS, Grünen und FPÖ bei einer Podiumsdiskussion im Josephinum die drängendsten Herausforderungen im Gesundheitswesen.
Rund um die Wiener Gemeinderatswahlen positionierte die Kammer verstärkt ihre gesundheitspolitischen Anliegen und Forderungen.
Und am 14. April 2025 lud die Kammer Bürgermeister Michael Ludwig zu einem gesundheitspolitischen Talk mit Präsident Steinhart und weiteren Spitzenfunktionär*innen über zentrale Fragen der Gesundheitsversorgung. Einigkeit herrschte dabei im Befund, dass Wien noch über eines der besten Systeme der Welt verfügt. Gleichzeitig legte Steinhart den Finger auf die offenen Wunden: „Der Personalstand in den Spitälern ist niedrig, die Strukturen sind alt, es bestehen ambulante Belastungen und es fehlen Ordinationen.“ Ludwig lobte das Engagement aller Beschäftigten im Gesundheitssystem und hob Wiens guten Versorgungsmix aus Einzelordinationen, Gruppenpraxen, PVEs, Ambulanzen und Spitälern hervor.
Ein Thema waren die Zusammenlegungen im Zuge des Wiener Spitalskonzepts 2030. Kritik an Versorgungseinschränkungen infolge der Zusammenlegung entgegnete der Bürgermeister mit Verweis auf langfristige Vorteile durch die Spezialisierung in den Spitälern und auf Investitionen der Stadt Wien in die Spitalsinfrastruktur im Umfang von 3,3 Milliarden Euro.
Zum Anliegen der niedergelassenen Ärzt*innen nach verstärkter Förderung von Ordinationsgründungen reichten die diskutierten Ideen von Unterstützungen bei der Umsetzung von Barrierefreiheitsmaßnahmen bei der Übernahme von Altordinationen bis zur Einplanung von Ordinationsräumlichkeiten in Stadtentwicklungsgebieten wie Nordbahnhof und Nordwestbahnhof. „Das Parkpickerl für Ärzt*innen würde uns bei der Arbeit sehr helfen, auch Behindertenparkplätze in Ordinationsnähe sind immer noch Mangelware“, sprach Steinhart kritische Punkte an.
Auch die Ausgliederung des WIGEV aus der städtischen Verwaltung wurde diskutiert. Dem Vergleich mit den anderen Bundesländern, wo dieser Schritt längst vollzogen ist, hielt Ludwig die mangelnde Vergleichbarkeit des WIGEV als Europas größtem Gesundheitskonzern entgegen. Das Gehaltspaket 2 für die WIGEV-Spitäler stellte Ludwig ehestmöglich in Aussicht.
Zur Frage der Nebenbeschäftigungen für Spitalsärzt*innen betonte Ludwig, dass es keine Eingriffe in bestehende Verträge geben wird. Präsident Steinhart betonte einmal mehr, dass ein Nebenbeschäftigungsverbot aus Sicht der Kammer inakzeptabel und rechtlich unzulässig ist. Hinsichtlich Ausbildungsqualität äußerte sich Ludwig gegen eine Aufweichung des Betreuungsschlüssels, zeigte sich zugleich aber offen für Anregungen und Ideen.
Die Lenkung der Patient*innen durch das Gesundheitssystem war ein weiterer Diskussionspunkt. Ludwig betonte seine Ablehnung von Ambulanzgebühren und die wichtige Rolle der Hausärzt*innen. Fachärzt*innen würden durch unzutreffende Eigendiagnosen von Patient:innen oft unnötig in Anspruch genommen, mit negativem Effekt auf die Wartezeiten. Ludwig betonte daher die Notwendigkeit, die Gesundheitskompetenz der Bevölkerung verstärkt zu fördern.
Im Vorfeld der Wiener Gemeinderatswahlen 2025 verdeutlichte das Gesundheitsbarometer der Kammer für Ärztinnen und Ärzte in Wien die wachsende Sorge der Wiener Bevölkerung um die Gesundheitsversorgung: Zwei Drittel der von Meinungsforscher Peter Hajek befragten 1.000 Personen ab 16 Jahren zeigten sich besorgt. Angesichts düsterer Budgetzahlen sowohl bei der Stadt Wien als auch beim Bund fiel die Antwort der Befragten klar aus: Der Staat muss mehr Geld in die Gesundheit investieren. Nicht einmal ein Drittel der Befragten nutzte regelmäßig die kostenlose jährliche Vorsorgeuntersuchung.
Basierend auf den Ergebnissen des Gesundheitsbarometers präsentierte die Kammer bei einer Pressekonferenz im April 2025 ihre Lösungs- und Verbesserungsvorschläge zur Sicherung des Gesundheitssystems. Hier die wesentlichen Punkte:
57 Prozent der Befragten meinten, dass der Staat in nächster Zeit mehr Geld in den Gesundheitsbereich investieren soll.
- Mehr Kassenplanstellen mit neuem und zeitgemäßem Leistungsangebot, weniger Bürokratie und flexiblen Arbeitsmöglichkeiten, damit die Kassenmedizin wieder attraktiver wird
- Sicherung der Grundleistungen der Gesundheitsversorgung für die Bevölkerung
- Stärkung der freiberuflichen Kassenärztinnen und Kassenärzte z.B. durch Parkpickerl für Wiener Ärzt*innen, Behindertenparkplätze vor Wiener Ordinationen, Hauptstadtbonus
- Marktkonforme, faire Gehälter in allen Wiener Spitälern
- Etablierung von multiprofessionellen Facharztzentren unter Einbindung von Gesundheits- und Sozialberufen (z.B. Psyzentren, Gynzentren, Diabeteszentren, etc.)
47 Prozent der Befragten beklagten, dass Spitalsärzte zu wenig Zeit für Fragen und Betreuung haben.
- Es braucht mehr Personal für die Wiener Spitäler, diese müssen attraktiver werden:
- Mit flexiblen Arbeitsmöglichkeiten und entsprechender Entbürokratisierung
- Sonderfunktionen in den Spitälern, etwa bei Brandschutz, Hygiene, Dienstplan- und Ausbildungsverantwortung, müssen endlich angemessen entlohnt werden
- Zeitgemäße Karrierepfade in Bezug auf die Ausbildung mit entsprechender Honorierung
- Übernahme der Prüfungsgebühren für die Facharztprüfung
- Bedarfsgerechter Ausbau der Betriebskindergärten, damit Beruf und Familie besser vereinbar werden
70 Prozent der Befragten waren für einen Ausbau der kostenlosen Gesundheitsvorsorge.
- Ausbau von Vorsorgeprogrammen und Aufbau von Gesundheitskompetenzprogrammen zur Vermeidung von Krankheiten, beginnend im Kindesalter
- Übernahme der Kosten von Impfungen gemäß Empfehlung der nationalen Impfgremien zum Schutz von vermeidbaren Erkrankungen
Nur 30 Prozent der Befragten nahmen die von der Sozialversicherung angebotene jährliche kostenlose Vorsorgeuntersuchung in Anspruch, 52 Prozent würden die Untersuchung bei finanziellen Anreizen häufiger machen.
- Einführung von Anreizmodellen wie etwa dem „Gesundheitshunderter“ der SVS, bei dem die Versicherten einen 100-Euro-Bonus erhalten, wenn sie zur Vorsorgeuntersuchung gehen oder an gesundheitsfördernden Programmen teilnehmen
Präsident und Vizepräsident*in der Kammer für Ärztinnen und Ärzte in Wien präsentierten die Ergebnisse des „Gesundheitsbarometers für Wien“.
Konzernisierung im Gesundheitswesen
Kommerzialisierung, investorengesteuerte Gesundheitsversorgung, Konzernisierung oder Konzernmedizin – unterschiedliche Bezeichnungen für eine Entwicklung, zu der die Kammer für Ärztinnen und Ärzte in Wien konsequent Stellung bezog, etwa beim Praevenire Vorreiter-Event im November 2025.
Zentrale Argumente der Kammer: Konzernisierung bringt die ärztliche Freiberuflichkeit unter Druck und gefährdet die Versorgung der Patient*innen. Kippt das soziale Gesundheitssystem erst einmal in Richtung Konzernmedizin, steht nicht mehr die Gesundheit der Menschen im Vordergrund. Dann dreht sich alles in erster Linie um die ökonomischen Interessen von Investoren – wie Beispiele aus Deutschland, Frankreich, Großbritannien oder den USA klar belegen. „Ärztliche Freiberuflichkeit“ bedeutet im Kern, dass Patient*innen nach ausschließlich medizinischen Kriterien behandelt werden können und Ärzt*innen in der Wahl der Diagnose- und Behandlungsmethoden, aber auch der individuell am besten geeigneten Medikamente frei sind. Bei einer investorengesteuerten Versorgung hingegen haben letztlich Betriebswirte und Controller das Sagen.
Kippt das soziale Gesundheitssystem erst einmal in Richtung Konzernmedizin, steht nicht mehr die Gesundheit der Menschen im Vordergrund.
Die Kammer stellt der Kommerzialisierung und Profitorientierung in der Medizin ganz bewusst eine standespolitische Position gegenüber, die auf ärztlichen und ethischen Werten beruht. Sie sieht es als gemeinsame Verpflichtung der Ärzteschaft, die ärztliche Freiberuflichkeit, das solidarische Gesundheitssystem und das Recht auf Gesundheitsversorgung für alle Menschen konsequent zu verteidigen.
Bei einem Besuch in Wien im Juni 2025 bezeichnete Hamburgs Bürgermeister Peter Tschentscher die Privatisierung im Hamburger Gesundheitswesen als „Handicap“.
Fokus auf Vorsorge
Die Kammer für Ärztinnen und Ärzte in Wien positionierte sich 2025 das ganze Jahr über mit wichtigen Präventionsthemen: vom „Aktionstag Gesundheit“ über die gesundheitspolitische Forderung nach Ausweitung des kostenlosen Impfprogramms bis zur Darmkrebs-Awarenesskampagne der Kammer.
Aktionstag Gesundheit, 2. Juni 2025
Beim sehr gut besuchten „Aktionstag Gesundheit“ verwandelte ein überdimensionales begehbares Darmmodell der Felix Burda Stiftung den Platz „Am Hof“ in eine Gesundheitsmeile. Ergänzt wurde es durch ein Präventionszelt mit kostenlosen ärztlichen Beratungen sowie Blutdruck- und Blutzuckerschnelltests, den Ärztefunkdienst sowie einen Med4School-Stand, wo Kindern das Gesundheitssystem nähergebracht wurde.
Ausweitung des kostenlosen Impfprogramms
Impfungen gehören zu den wirksamsten präventiven Maßnahmen in der Medizin. Daher forderte die Kammer 2025 unter anderem, dass künftig alle vom Nationalen Impfgremium (NIG) empfohlenen Impfungen automatisch als Kassenleistung übernommen werden sollten. Weiters sollten im Rahmen der Vorsorgeuntersuchungen sowohl Impfberatung als auch die Überprüfung des Impfstatus als Kassenleistung angeboten werden.
Darmkrebs-Awarenesskampagne
Im Oktober 2025 startete die Kammer die Aufklärungskampagne „Darm checken – Leben retten“, mit der sie die Bevölkerung zur Darmkrebs-Vorsorge aufrief. Darmkrebs ist eine der häufigsten, aber auch eine der vermeidbarsten Krebserkrankungen. Die Möglichkeit, bereits ab 45 Jahren kostenlos eine Koloskopie zur Vorsorge zu erhalten, stellt daher einen wichtigen Fortschritt in der Früherkennung dar.
„Darmkrebs ist eine
der häufigsten, aber auch eine der vermeidbarsten
Krebserkrankungen.“
Unterstützt wurde die Kampagne von bekannten Persönlichkeiten: Pia Hierzegger, Chris Lohner, Manuel Rubey, Michael Niavarani, Claudia Kottal, Robert Palfrader, Hilde Dalik und Michael Ostrowski riefen in persönlichen Spots zur Vorsorge auf. Die Kurzvideos waren auf Social Media und in öffentlichen Verkehrsmitteln in Wien (Infoscreens) zu sehen.
Im Einsatz für die Vorsorge – das Team der Kammer für Ärztinnen und Ärzte in Wien beim „Aktionstag Gesundheit“.
Künstliche Intelligenz in der Medizin
Der Einsatz von Künstlicher Intelligenz (KI) in der Medizin hat längst Einzug in Diagnostik, Therapie und Administration gehalten. Die Kammer für Ärztinnen und Ärzte in Wien beschäftigte sich daher auch 2025 mit Chancen und Herausforderungen dieser rasant voranschreitenden Entwicklung. Auf Initiative der Kammer diskutierte eine Expertenrunde beim Symposium „Auswirkungen der Künstlichen Intelligenz in der Medizin“ im September 2025 über Chancen, Risiken und ethische Grenzen von KI.
„Wesentlich ist, dass Ärzt*innen in Entwicklungen wie KI, Digitalisierung und Telemedizin eingebunden sind und diese mitgestalten.“
Zentrale Argumente der Kammer: Ärzt*innen müssen in Entwicklungen wie KI, Digitalisierung und Telemedizin eingebunden werden und diese mitgestalten. Nur Ärzt*innen können Patient*innen Empathie und Zuwendung vermitteln. Gleichzeitig kann und soll KI Ärzt*innen bei der medizinischen Arbeit, etwa bei Untersuchungen und Befundungen, effektiv unterstützen und bei Verwaltungs- und Dokumentationstätigkeiten entlasten. Damit das enorme Potenzial von Digitalisierung und KI in einem für Ärzt*innen wie Patient*innen positiven Sinne ausgeschöpft werden kann, braucht es die richtigen Rahmenbedingungen.
Symposium der Kammer zum Thema „Künstliche Intelligenz“ im September 2025.